[Gelesen] Dr. Siri sieht Gespenster (Siri Paiboun #2) – Colin Cotterill

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Eine Reihe grausiger Todesfälle sorgt in der Hauptstadt von Laos für Aufregung: Macht ein ausgebrochener Bär Jagd auf Menschen?

In der Pathologie von Laos‘ einzigem Leichenbeschauer, dem 72-jährigen Dr. Siri Paiboun, herrscht Hochbetrieb und der Arzt und seine beiden Mitarbeiter wissen bei glühender Hitze überhaupt nicht wohin mit den vielen Leichen. Besonders knifflig ist der Fall einer toten Obstverkäuferin, deren Körper völlig zerfleischt aufgefunden wurde. Da kurz zuvor ein Kragenbär aus dem Hauszoo eines Hotels ausgebrochen ist, liegt der Verdacht nahe, dass das Tier für den gewaltsamen Tod der Frau verantwortlich ist – auch wenn Siri der Theorie nicht allzu viel abgewinnen kann. Zugleich muss der Forensiker aber auch noch den rätselhaften Tod zweier Männer aufklären, die neben einem beschädigten Fahrrad aufgefunden wurden. Ein tragischer Unfall, oder steckt hinter dem Fall mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein hat?

Der zweite Fall für den laotischen Leichenbeschauer Dr. Siri Paiboun

Colin Cotterills Reihe um einen laotischen Leichenbeschauer hebt sich gleich in mehreren Aspekten aus dem Krimi-Einheitsbrei ab: Zum einen ist da die Hauptfigur selbst, denn Dr. Siri Paiboun darf wohl ohne jede Frage zu den ungewöhnlicheren Ermittlern des Genres gezählt werden. Der Mediziner hat das Rentenalter bereits weit überschritten, hat aber erst vor wenigen Monaten eher unfreiwillig zum Pathologen umgeschult – ganz einfach weil es in ganz Laos keinen anderen geeigneten Kandidaten für den dringend benötigten Posten gab. Zusammen mit der korpulenten Krankenschwester Dtui und Herrn Geung, einem gutmütigen, aber etwas tollpatschigen Assistenten mit Down-Syndrom, muss er sich nun Tag für Tag mit verdächtig erscheinenden Todesfällen auseinandersetzen – und das mit eher bescheidenen Mitteln.

Lockere Krimi-Unterhaltung vor exotischer Kulisse

Hier sind wir beim zweiten Punkt angelangt, der Cotterills Krimis auszeichnet: das ungewöhnliche Setting: Seine Geschichten spielen nämlich im Laos der 1970er Jahre und damit kurz nach der Machtergreifung der kommunistischen Partei. Das Land befindet sich im Umbruch und auch sonst ticken die Uhren im kleinen südostasiatischen Staat einfach anders. Die Mühlen der Bürokratie mahlen äußerst langsam und sonderlich viel staatliche Unterstützung erhält Dr. Siri bei seiner Arbeit auch nicht, was die Ermittlungen auch nicht gerade erleichtert. Davon lässt sich der gerissene Leichenbeschauer aber nicht unterkriegen und schlägt sich mit viel Einfallsreichtum und Humor durch seine Nachforschungen. Dank der großen Asien-Erfahrung des Autors wirkt das Szenario dabei nicht nur authentisch und stimmungsvoll, Cotterills locker-amüsanter Schreibstil lässt das Buch auch zu einer äußerst kurzweiligen Angelegenheit geraten.

Nach gutem Beginn geht der rote Faden verloren

„Dr. Siri sieht Gespenster“ hat aber einen großen Schwachpunkt: die Story. Denn auch wenn der Roman mit den vermeintlichen Bären-Opfern und dem kuriosen Fahrrad-Unfall verheißungsvoll beginnt, sinkt das Spannungsniveau ab dem ersten Drittel dramatisch ab. Der Autor schickt seine Hauptfigur aus wenig ersichtlichen Gründen sprunghaft durch das ganze Land und die eigentlichen Ermittlungen geraten dabei völlig zur Nebensache. Hier ein bisschen Klamauk, da ein bisschen laotische Geschichte und landestypische Bräuche – das ist zwar alles recht unterhaltsam, es ist aber schlicht und einfach kein roter Faden erkennbar.

 

Überflüssiger Geister-Klamauk als Spannungskiller

Als richtig störend habe ich aber die ständigen Ausflüge in die Geisterwelt empfunden, welche dann auch den letzten Erzählfluss zunichte machen. Als Reinkarnation irgendeiner alten Gottheit ist Dr. Siri nämlich in der Lage, mit den Geistern der Toten in Verbindung zu treten. Was im ersten Band noch eine nette Stichworthilfe bei den Ermittlungen war, artet nun aber völlig aus und drängt den Rest der Story komplett in den Hintergrund – albern und überflüssig. Kurz vor Schluss fällt dem Autor dann ein, dass er dem Leser noch eine Aufklärung der Todesfälle schuldet, die aber aus den oben genannten Gründen ebenfalls nicht überzeugen kann. Ich mag das exotische Setting und die kauzige Hauptfigur der Reihe wirklich sehr, aber nach dem zweiten Band überlege ich ernsthaft, ob ich noch weitere „Krimis“ mit diesem Geister-Hokuspokus brauche – derzeit tendiere ich eher zu einem „Nein“.

Fazit:
Skurriler Krimi mit exotischem Setting und amüsanter Hauptfigur, der aber zu sehr ins Esoterische abdriftet und den Plot dabei aus den Augen verliert (6/10).

Dr. Siri sieht Gespenster
Autor: Colin Cotterill; Originaltitel: Thirty-Three Teeth; Umfang: 336 Seiten; Verlag: Goldmann; Erscheinungsdatum: 16. August 2010; Preis: Gebundene Ausgabe 17,95 €/Taschenbuch 8,95 €/eBook 7,99 €.

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4 responses to this post.

  1. Posted by leseratteffm on Januar 26, 2014 at 10:42

    Ich weiß genau, was Du meinst, aber der „Mystery-Faktor“ ist nicht in allen Bänden gleich hoch und deshalb bleib an der Serie dran und probier mal die Hörbücher aus. Die sind grandios. Besonders der letzte Teil „Der fröhliche Frauenhasser“ hat mir sehr, sehr gut gefallen.

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    • Bevor ich die Reihe begonnen habe hatte ich auch überlegt, ob ich mir lieber die Hörbücher zulegen soll, allerdings gibt es manche Teile leider nur gekürzt und das ist bei mir eigentlich immer ein No-Go.

      Und jetzt wo ich schon mit den gedruckten Ausgaben angefangen habe, will ich dann wenn schon auch die Reihe komplett im Regal stehen haben 😉

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  2. […] Dr. Siri sieht Gespenster – Colin Cotterill (6/10): Ein wenig die Enttäuschung des Monats, weil ich den ersten Teil in sehr guter Erinnerung hatte und Band 2 für mich nicht daran anknüpfen konnte. Gerade dieses ständige Geisterzeugs ist mir doch sehr auf den Keks gegangen. (Rezension) […]

    Antworten

  3. […] Dr. Siri sieht Gespenster – Colin Cotterill (6/10): Ein wenig die Enttäuschung des Monats, weil ich den ersten Teil in sehr guter Erinnerung hatte und Band 2 für mich nicht daran anknüpfen konnte. Gerade dieses ständige Geisterzeugs ist mir doch sehr auf den Keks gegangen. (Rezension) […]

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