[Gelesen] Ein plötzlicher Todesfall – Joanne K. Rowling

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Als in einer englischen Kleinstadt ein Gemeinderatsmitglied unerwartet stirbt, bricht unter den Dorfbewohnern ein Kleinkrieg aus.

Als Barry Fairbrother stirbt, kommt dies nicht nur für seine schockierte Familie, sondern für die gesamte englische Gemeinde Pagford völlig überraschend. Eben noch wollte das allseits beliebte Gemeinderatsmitglied mit seiner Frau den gemeinsamen Hochzeitstag im örtlichen Golfclub feiern, wenig später liegt Barry tot auf dem Parkplatz der Anlage – Hirnaneurysma mit gerade einmal Anfang Vierzig. Der Verstorbene hinterlässt nicht nur seine Frau und vier Kinder, sondern auch seinen Platz im Gemeinderat, der nun erst einmal vakant ist. Wie nicht anders zu erwarten war, entbrennt bereits unmittelbar nach Bekanntwerden des Todes von Barry Fairbrother ein erbitterter Kampf um den freien Posten, in dem plötzlich fast jeder der Dorfbewohner Machtansprüche anmeldet.

Der Tod eines Gemeinderates sorgt für einen erbitterten Machtkampf

„Ein plötzlicher Todesfall“ ist nach sieben Harry-Potter-Büchern der erste Roman der britischen Autorin Joanne K. Rowling, der sich ganz gezielt an ein vorrangig erwachsenes Publikum richtet – Jugendliche könnten mit dem Kleinkrieg um einen Gemeinderatsposten wohl auch eher wenig anfangen. Zudem dürfte auch der Einstieg in die Geschichte einen Großteil jüngerer Leser etwas überfordern, denn in der Handlung tauchen nicht nur sehr viele Haupt- und Nebenfiguren auf, sie werden auch fast alle innerhalb der ersten Kapitel vorgestellt, sodass einem nach der Lektüre der ersten Seiten erst einmal der Kopf raucht – zumal zu diesem Zeitpunkt noch bei weitem nicht absehbar ist, welche der Charaktere für die Geschichte von Relevanz ist.

Zu viele (unsympathische) Charaktere

Das Figurenspektrum erstreckt sich hierbei über alle Gesellschafts- und Altersschichten und reicht zum Beispiel vom rüstigen und wohlhabenden Feinkostladenbesitzer über eine frustrierte Sozialarbeiterin bis hin zum jugendlichen indisch-stämmigen Mobbingopfer. Ein großes Problem haben jedoch fast alle Charaktere gemeinsam: Bis auf wenige Ausnahmen sind sie alle sehr unsympathisch und sorgem beim Leser eher für Abneigung statt gebanntes Mitfiebern. Eigentlich sind es fast nur die Außenseiterfiguren, für die man ein gewisses Mitgefühl aufbringen kann, sei es die 16-jährige Krystal, die unter ihrer drogenabhängigen Mutter leidet und mit der ihr dadurch aufgezwungenen Erziehung ihres kleinen Bruders hoffnungslos überfordert ist, der gleichaltrige Andrew, der von seinem tyrannischen Loser-Vater regelmäßig verprügelt wird, oder die junge Sukhvinder, die den hohen Erwartungen ihrer Familie nicht gerecht wird und auch in der Schule große soziale Probleme hat.

Viele Intrigen, wenig Spannung

Leider kann auch die Story von „Ein plötzlicher Todesfall“ nicht überzeugen, denn auf den im Klappentext angekündigten „größten Krieg, den die Stadt je erlebt hat“, wartet man leider vergeblich. Zwar bietet Rowling ihren Lesern haufenweise kleine Intrigen und Streitereien, es fehlt aber einfach die übergreifende und packende Rahmenhandlung, die einen wirklich ans Buch fesseln könnte. Da kann auch der immer wieder auftauchende Konflikt um die Eingemeindung einer heruntergekommenen Problemsiedlung in die Stadt Pagford nicht viel herausreißen. Man hofft beim Lesen eigentlich ständig auf ausartende Auseinandersetzungen, da diese fast allein den Unterhaltungswert des Buches ausmachen – allerdings verlässt die Autorin diese Brennpunkte oft immer genau dann, wenn es gerade spannend wird. So ist die Geschichte häufig einfach nur eines: sterbenslangweilig.

Künstlich vulgär und mit katastrophaler deutscher Übersetzung

Was bei der Lektüre aber auf jeden Fall auffällt, ist die Tatsache, dass Rowling sich mit diesem Buch sichtlich von ihren Harry-Potter-Werken abgrenzen will. „Ein plötzlicher Todesfall“ mag Fans daher ein wenig schockieren, denn das Buch ist wirklich sehr vulgär: So gibt es Flüche und Beleidigungen am laufenden Band und reichlich Sex – grundsätzlich spricht nichts dagegen, es wirkt aber oft so, als würde die Autorin ihren Roman dadurch künstlich interessant machen wollen. Hier tritt leider auch das große Problem der deutschen Übersetzung zum Vorschein, denn dabei hat man sich wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. So werden Flüche wie „bitch“ oder „fuck“ permanent durch „blöde Kuh“ oder „verdammt“ drastisch abgemildert, was nicht nur albern klingt, sondern auch die Darstellung sozial und intellektuell schwächer gestellter Charaktere verfälscht. Höhepunkt dieses Übersetzungs-Debakels ist aber die Eindeutschung des Satzes „Oh, fuck off, Shirley“. Was man sich hier mit „Leg dich doch gehackt, Shirley“ gedacht hat, bleibt wohl für immer das Geheimnis der Übersetzer.

Leider ziemlich enttäuschend und langweilig

Obwohl ich keine allzu hohen Erwartungen an das Buch hatte und das Buch auch unabhängig der Harry-Potter-Bücher betrachtet habe, bin ich von Rowlings erstem Erwachsenenroman dennoch enttäuscht. Der Plot ist lahm, die Charaktere überwiegend unsympathisch und klischeehaft und auch der Schreibstil keinesfalls herausragend. Dass die Autorin es auch außerhalb des Jugendbuchgenres besser kann, hat sie mit „A Cuckoo’s Calling“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt. „Ein plötzlicher Todesfall“ kann man sich aber sparen und sollte es sich wenn überhaupt nur im englischen Original zu Gemüte führen.

Fazit:
Langweiliger Dorfklatsch, der weder mit seinen unsympathischen Charakteren noch mit der mageren Story überzeugen kann (5/10).

Buchcover
Autorin: Joanne K. Rowling; Originaltitel: The Casual Vacancy, Umfang: 576 Seiten; Verlag: Carlsen; Erscheinungsdatum: 27. September 2012; Preis: Gebundene Ausgabe 24,90 €/Taschenbuch 11,99 €/eBook 9,99 €.

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3 responses to this post.

  1. ‚Leg dich dich gehackt‘, daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Habe es gelesen, als es gerade veröffentlicht war und ich mochte es tatsächlich. Es ist tatsächlich kein spannendes Buch im klassischen Sinne, wer das erwartet,wird enttäuscht. Für mich war es eine Milieustudie, ein soziales Panoptikum, ein Roman über soziale Zusammenhänge. Und das fand ich schon gelungen.

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  2. Ahahahaha. Leg dich doch gehackt! Das wird meine neue Lieblingsbeleidigung. Mach dich auf was gefasst! Allein als Inspirationsquelle sollte ich das Buch wohl mal auf deutsch lesen :‘)

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