[Gelesen] Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo (Monstrumologe #2) – Rick Yancey

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Die Suche nach einem alten Freund treibt den Monstrumologen Dr. Warthrop und seinen Gehilfen Will Henry in die Wälder Kanadas, wo der sagenumwobene Wendigo sein Unwesen treiben soll…

Amerika im Jahr 1888: Ein Brief eines unbekannten Absenders sorgt bei dem Wissenschaftler Dr. Pellinore Warthrop für Aufruhr und große Besorgnis. Die anonyme Nachricht teilt ihm mit, dass der Präsident der Monstrumologen-Gesellschaft Dr. Abram von Helrung beim nächsten Kongress einen Antrag stellen möchte, der die Untersuchung mythischer Kreaturen übernatürlichen Ursprungs in den Fachbereich der Monstrumologie aufnehmen und besagte Geschöpfe offiziell anerkennen soll. Für Dr. Warthrop ist dieser Vorstoß ein handfester Skandal, der sein gesamtes Forschungsgebiet und ihn selbst ins Lächerliche ziehen könnte, schließlich seien Kreaturen wie Vampire, Werwölfe oder Zombies reine Hirngespinste und haben nichts mit seriöser Monstrumologie zu tun, wie er und viele seiner geschätzten Kollegen sie betreiben.

Die Suche nach einem uralten Indianer-Mythos

Zu allem Überfluss steht dann auch noch plötzlich Mrs. Muriel Chanler, Warthrops frühere Geliebte und heutige Ehefrau seines ehemals bestens Freundes John Chanler, vor seiner Tür und fleht ihn geradezu um seine Mithilfe an: John ist während einer Expedition in Kanada spurlos verschwunden und konnte auch von Suchtrupps nicht ausfindig gemacht werden. Zu Warthrops Unwillen erfährt er, dass Chanler dort auf der Suche nach dem Wendigo, einer furchterregenden Sagengestalt alter Indianerlegenden, war und diesem womöglich zum Opfer gefallen ist. Der Monstrumologe reagiert unwirsch, weil für ihn genau jene Kreatur zu den mythischen Geschöpfen gehöre, die reine Hirngespinste seien und seinen Berufszweig in Verruf bringen würden. Dennoch lässt er sich aus alter Verbundenheit auf die abenteuerliche Rettungsaktion ein und reist mit seinem jugendlichen Gehilfen Will Henry nach Kanada, um die Suche nach seinem alten Freund aufzunehmen…

Der zweite Band aus Rick Yanceys Monstrumologen-Reihe

Vor ein paar Monaten bin ich erstmals auf Rick Yanceys Monstrumologen-Reihe aufmerksam geworden und habe mich aufgrund des wunderschönen Covers direkt in den Auftaktband „Der Monstrumologe“ gestürzt – und war nahezu restlos begeistert. Folglich habe mir ich fast umgehend nach der Lektüre den Nachfolger „Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo“ zugelegt, der das ungewöhnliche Gespann bestehend aus dem kauzigen Wissenschaftler Dr. Pellinore Warthrop und seinem Assistenten, dem 12-jährigen Waisenjungen Will Henry, auf ein weiteres Abenteuer voller Abgründe und Gefahren schickt. Für diejenigen, die mit dem Begriff „Monstrumologie“ nichts anfangen können: Mit diesem Ausdruck beschreibt Yancey die Erforschung von dem Menschen gegenüber grundsätzlich feindlich gesinnten und von der „regulären“ Wissenschaft nicht anerkannten Kreaturen sowie die Jagd auf eben solche.

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Der Wendigo – Sagengestalt oder gefährliche Realität?

Nachdem es Warthrop und Will Henry im Vorgänger mit menschenfressenden Anthropophagen zu tun bekamen, ist das „Monster of the week“ nun der Wendigo, eine Kreatur aus dem Bereich der indianischen Mythen. Dieser ist von einem unbändigen Hunger getrieben, verwandelt seine Opfer in ebenso verlorene Seelen wie ihn selbst und beraubt sie dadurch jeder Menschlichkeit. Und damit sind wir bereits bei der ersten Besonderheit des zweiten Buches, denn anders als im ersten Band ist die Existenz dieses Wesens nicht von vornherein als gegeben zu betrachten, sondern wird vom Monstrumologen selbst vehement bestritten – was lange Zeit etwas befremdlich wirkt, denn wenn jemand an solche Geschöpfe glauben sollte, dann doch wohl der Experte auf diesem Gebiet, oder? Dennoch ist dieser Kniff ein echter Gewinn für das Buch, da man bis zum Schluss miträtseln kann, ob die geschilderten Ereignisse tatsächlich auf das Konto eines Wendigos gehen oder doch sehr viel menschlicheren Ursprungs sind.

Einzigartiger und ungemein authentisch wirkender Erzählstil

Was aber im Vergleich zum Auftaktband unverändert ist, ist der ungewöhnliche und besondere Erzählstil der Geschichte. Rick Yancey hat seinen Roman wieder so angelegt, dass die Handlung rückblickend aus der Sicht des Assistenten Will Henry erzählt wird, der die Ereignisse in seinen Memoiren zusammenfasst. Folglich ist auch der Schreibstil etwas altertümlich und mit einigen sprachlichen Eigenheiten versehen, welche die Berichte sehr authentisch wirken lassen. Überhaupt erscheint der Roman trotz der fantastischen Elemente ungemein glaubwürdig, was vor allem an der Erzählkunst des Autors liegt. Dieser tritt nämlich erneut als Herausgeber selbst im Prolog seines Buch auf und berichtet von seinen (natürlich fiktiven) Untersuchungen der Aufzeichnungen Will Henrys, sodass man als Leser das Gefühl bekommt, eben jener Will Henry hätte tatsächlich existiert und wäre wirklich wie berichtet in biblischem Alter einsam in einem Pflegeheim gestorben. Zudem gönnt Yancey immer wieder historischen Persönlichkeiten kleine Gastauftritte in seiner Geschichte, seien es Coca-Cola-Erfinder John Pemberton, der Autor Algernon Blackwood oder der New Yorker Polizist Thomas Byrnes, die alle mal mehr oder weniger prominent in der Handlung auftauchen und dem Ganzen einem wunderbar realistischen Touch verleihen.

Gewalttätig und dennoch voller Tiefgang

Wie schon beim Vorgänger ist die Geschichte aber auch diesmal wieder äußerst blutrünstig und gewalttätig, was man gerade angesichts der Tatsache, dass die Bücher als Jugendromane vermarktet werden, unbedingt im Vorfeld wissen sollte. Es werden Menschen zerfleischt, aufgespießt, zerstückelt und auf alle erdenklichen Arten verstümmelt – vielleicht nicht ganz so detailreich wie in manchem reißerischen Erwachsenen-Thriller, aber auf jeden Fall weit über das gewohnte Maß eines Jugendbuches hinausgehend. Wer zartbesaitet ist und auch in literarischer Form nicht gut mit Blut umgehen kann, der sollte um den Monstrumologen besser einen großen Bogen machen, denn Rick Yancey geht mit seinen Figuren nun wirklich nicht zimperlich um. Allerdings würde man dann auch eine wirklich großartige Jugendbuchreihe verpassen, die zwischen diesen gewaltvollen Eruptionen so viel mehr zu bieten hat und phasenweise richtiggegehend philosophisch daherkommt. Gerade die beiden Hauptfiguren, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sind sehr liebevoll gezeichnet und wachsem dem Leser aufgrund ihrer Eigenheiten schnell ans Herz. Darüber hinaus bietet der Roman tolle Schauplätze, eine dichte und unheimliche Atmosphäre und viele intelligente und tiefgründige Gedankengänge, weshalb man dieser Reihe unbedingt eine Chance geben sollte – auch wenn „Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo“ vielleicht nicht immer mit nervenzerreißender Spannung aufwarten kann.

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Ein Schmuckstück im Bücherregal

Wie schon beim ersten Band sei auch hier noch einmal auf die wunderschöne Aufmachung der Bücher hingewiesen, die nicht nur ein großartiges Cover haben, sondern auch im Innenteil wirklich ein Genuss für das Auge sind. An den Seitenrändern finden sich immer wieder kleine Zeichnungen medizinischer Instrumente und von Zeit zu Zeit sorgen sogar ganzseitige Illustrationen für Begeisterung. Alleine schon deshalb haben die Romane meiner Meinung nach einen Platz in jedem Bücherregal verdient.

Fazit:
Intelligenter und sehr authentisch wirkender Horror-Roman, der seinem Vorgänger in nichts nachsteht und erneut mit einer packenden Story, unheimlicher Atmosphäre und tiefgründigen Charakteren überzeugt (9/10).

Buchcover
Autor: Rick Yancey; Originaltitel: The Curse of the Wendigo; Umfang: 397 Seiten; Verlag: Bastei Lübbe; Erscheinungsdatum: 20. Januar 2012; Preis: Taschenbuch 14,99 €/eBook 7,49 €.

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